Larve des Ameisenlöwen, Euroleon nostras, sitzt auf Sand

Es gibt ein kleines Insekt, das sicherlich zu den geschicktesten und faszinierendsten Überlebenskünstlern unserer Tierwelt gehört. Es lebt den weitaus größten Teil seines Lebens im Sand warmer Naturräume mit hohen Temperaturen und wenig Wasser - dort, wo andere Tiere verhungern, verdursten oder sogar vertrocknen würden. Hier hat es sich perfekt angepasst.


Die Rede ist vom Ameisenlöwen. Er ist der "König des Sandhaufens". Mit dem Begriff Ameisenlöwe ist die Larve eines wunderschönen, grazilen Tieres gemeint, das als voll entwickeltes Insekt äußerlich einer Libelle ähnelt und dann Ameisenjungfer heißt. Aber wie so oft im Reich der Insekten: Seine Hauptlebenszeit verbringt das Tier als Larve, also als Ameisenlöwe (in der Regel 2 Jahre). Als Jungfer dagegen ist es nur gut 2 Wochen aktiv.
In Mitteleuropa gibt es 19 verschiedene Ameisenjungfern-Arten. Eine der häufigsten ist die Geflecktflüglige Ameisenjungfer mit dem lateinischen Namen Euroleon nostras. Links im Bild ist die Larve der Geflecktflügligen Ameisenjungfer zu sehen. Schon beim zweiten Aussprechen wird deutlich: Dieser Name ist ein Zungenbrecher! Deshalb nenne ich ab nun den Ameisenlöwen der Geflecktflügligen Ameisenjungfer Euroleon nostras kurz Leo. Leo kommt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt Löwe - passt also!

In dieser Reportage werden wir eine Menge über Leo erfahren: über seine Leben als Larve, wie er seinen Fangtrichter baut, über seine ausgeklügelte Art zu jagen (Jagdstrategie), wie er seine Haupt-Beutetiere, die Ameisen, frisst und wie er sich schließlich in einer wundersamen Metamorphose in einen grazilen Flugdiamanten verwandelt.

Auf dem Foto links oben sitzt Leo ruhend auf Sand.

Der Lebensraum - Hauptsache SAND!

Leo liebt sandige Böden wie Flusssande oder, wie auf dem Foto rechts, Binnendünen - große Sandhaufen, die als Ablagerungen von Flugsanden nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren entstanden. Bei  starkem Wind wehten diese teils riesigen Sandhaufen als Wanderdünen übers Land. Heute hat der Mensch nahezu alle wandernden Dünen zum Stillstand gebracht. Gezielte Anpflanzungen, vor allem mit der trockenheitsverträglichen Waldkiefer, halten mit ihren Wurzeln den feinkörnigen Sand fest - mit der fatalen Folge, dass sich die freie Sandfläche nicht mehr selbst durch ständige Windverlagerung erneuern kann. Nun keimen immer mehr Pflanzen im Sand, und nach kurzer Zeit ist die vorher freie Sandfläche vollständig zugewachsen. Diese Entwicklung finden wir heute bei so gut wie allen mitteleuropäischen Binnendünen. Freie Teilflächen gibt es nur noch selten, und die sind dann extrem gefährdet und in der Regel genau so extrem geschützt!

Leo benötigt vegetationsfreie Sandböden. Hier ist er zu finden. Am beliebtesten sind sandige Stellen, die möglichst regengeschützt sind, wie beispielsweise unter dicken, freigewehten Baumwurzeln oder ...  

... unter dem schützenden Moosdach überhängender Hangkanten.
Er ist aber auch an vielen anderen Stellen wie beispielsweise am Fuße von südexponierten Mauern von Burgruinen oder unter dem Dachüberstand von Weinbergshütten zu finden. Hauptsache, der Boden ist feinkörnig, sandig und möglichst trocken!

Larve des Ameisenlöwen, Euroleon nostras, sitzt auf Sand

Die Larve - perfekt ausgestattet für die Jagd!

Obwohl ausgewachsen nur etwa 1 cm groß: Leo sieht zum Fürchten aus! Ein kugeliger, stark beborsteter Körper, helle, ebenso beborstete Beine, ...

Ameisenlöwe, Euroleon nostras, Larve, Kopf, Portrait

... ein seltsam tief sitzender, großer, flacher Kopf - ebenfalls beborstet - , ...

Mächtige Kiefernzangen der Larve des Ameisenlöwen, Euroleon nostras, auf Sand sitzend.

... und zwei riesige Kiefernzangen, natürlich auch beborstet! An deren Innenseiten sitzen jeweils drei große Zähne.

Mächtige Kiefernzangen der Larve des Ameisenlöwen, Euroleon nostras, auf Sand sitzend.

Leo hasst nichts mehr, als frei auf der Sandoberfläche zu sitzen. Sein Ziel ist es, sich möglichst schnell einzugraben. Wird er daran gehindert, aktiviert er schnell seinen Totstellreflex (Katalepsi) - mit dem Ergebnis, dass er sich unter Umständen minuten- oder sogar stundenlang nicht mehr bewegt!

Sich Totstellen funktioniert auch in der Rückenlage. Lässt die Starre nach, wirft sich Leo blitzschnell zurück auf die Bauchseite und ist nun wieder "ganz normal".

Das Eingraben

Aber wie gesagt: Leos vorrangiges Ziel ist, sich möglichst schnell in die oberste Sandschicht einzugraben. Hierzu verkrümmt er seinen Körper, drückt dabei die Hinterleibsspitze nach unten in den Sand und - geht rückwärts! Leo kann nur rückwärts gehen! Die nach vorn gerichteten Borsten seines Körpers setzen nahezu jegliche Bewegung in einen Rückwärtsschub der Larve um. Ruckartig verschwindet Leo im Sand. 

Von der Seite sieht das dann so aus, ...

... und so von vorne.

Unter der Sandoberfläche "angekommen", wandert Leo ruckartig in kurvigen Bahnen rückwärts umher und sucht eine geeignete Stelle zum Graben. Auf dem Foto sind die Kriechspuren zu sehen, die Leo dabei im Sand hinterlässt.

Der Fangtrichter - eine Meisterleistung!

Ist eine geeignete Stelle gefunden, beginnt Leo mit dem Bau eines Fangtrichters. Hierbei kommt nun sein äußerst raffinierter Körperbau ins Spiel: Wenige Millimeter im Sand eingegraben, geht er einen Schritt rückwärts (Nochmal: Er kann auch nur rückwärts gehen!). Dabei rutscht über seinen kugeligen Körper Sand auf die flach vor ihm liegende Kopfplatte und die breiten Kiefernzangen.

Ruckartig schmeißt Leo Kopf und Vorderbeine hoch ...

Ameisenlöwe, Euroleon nostras, Larve gräbt Fangtrichter und schleudert Sand

... und schleudert den Sand seitlich nach hinten weg.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras, schleudert mit seinen Kiefernzangen Sand aus dem Fangtrichter. Sand fliegt hoch.

Kopf und Vorderbeine fallen wieder nach vorne. Nach wenigen Sekunden Pause geht Leo einen weiteren Schritt zurück, sodass die nächste Sandladung auf seinen Kopf rutscht. Auch sie wird weggeschleudert.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras, Larve gräbt Fangtrichter und schleudert dabei Sand hoch.

Das Ganze wiederholt sich unzählige Male ...

Ameisenlöwe, Euroleon nostras, schleudert mit seinen Kiefernzangen Sand aus dem Fangtrichter. Sand fliegt hoch.

... und geht so schnell, dass es mit bloßem Auge kaum zu sehen ist. Nur der bis zu 30 cm weit fliegende Sand wird vom Menschen erstaunt wahrgenommen.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras, schleudert mit seinen Kiefernzangen Sand aus dem Fangtrichter. Sand fliegt hoch.

Während dieser Aktion geht Leo im Kreis! Die Kreisbahnen werden immer enger, verlaufen also spiralförmig. Dadurch, dass er nach jedem Rückwärtsschritt eine Ladung Sand seitlich wegschleudert, entsteht eine trichterförmige Vertiefung - der Fangtrichter. 

Von oben betrachtet ist Leos Vorgehensweise beim Graben des Fangtrichters erkennbar. Durch wiederholtes Verlassen der spiralförmigen Kreisbahnen und Durchschreiten der Mitte ändert er fünf mal die Laufrichtung. Jedoch fädelt er sich stets wieder genau in diejenige Kreisbahn ein, die er zuvor verlassen hatte - läuft nun aber jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Leo scheint in seinem entstehenden Trichter die volle Orientierung zu haben! 
Der kleine Bauingenieur vollbringt eine wahre Meisterleistung: Innerhalb von 26 Minuten - so lange dauert der Trichterbau der reifen Larve (L3-Larve) rechts im Bild - schleudert Leo das etwa 200-Fache seines eigenen Körpergewichts bis zu 30 Zentimeter weit über den Trichterrand hinaus. Das Ergebnis ist ein nahezu symmetrisch geformter Trichter mit einem Durchmesser von 5,3 cm und einer Tiefe von 2,6 cm.

"Das große Säbelwetzen": Ab und zu säubert Leo während des Trichterbaus seine gewaltigen Kiefernzangen. Dabei streift er sie wechselseitig über Kreuz gegeneinander.

Mehrere fertiggestellte Fangtrichter des Ameisenlöwen, Euroleon nostras, im Sand.

Lage der Fangtrichter

Ameisenlöwen suchen gerne gezielt günstige Standorte für den Trichterbau aus. Hierzu gehören beispielsweise regengeschützte oder zumindest vom Regen abgewandte sandige Bereiche, da herabfallende Regentropfen den Fangtrichter beschädigen. An solchen Bodenstellen sind meist zahlreiche Löwen zu finden, und oft liegen viele Trichter nahe beieinander.

Trichter-Ansammlung an einer südexponierten sandigen Böschungskante.

Perfekte Tarnung beim Jagen

Nach Abschluss der Grabarbeiten legt sich Leo in den tiefsten Punkt des Trichters. Sein Körper ist vollständig mit Sand bedeckt. Zum Vorschein kommen nur der vordere Rand seines Kopfes, auf dem rechts und links die Augen sitzen, und seine beiden riesigen, weit auseinandergeklappten Kiefernzangen. In dieser Fangstellung ist Leo kaum sichtbar.

Nur die Augen und zwei dünne Fühler ragen nach oben aus dem Sand heraus. 

Leo ist sogar zu noch mehr Tarnung fähig: Seine Körperoberfläche kann er mit dem Bodenmaterial bekleben, in dem er sich jeweils befindet. Auf dem Foto rechts liegt er beispielsweise auf dem Grund eines Trichters, den er in gräulichem Sand angelegt hat. Mit dessen hohen mehlartigen Feinschluff-Anteil hat der Löwe seinen kompletten Körper überzogen, inklusive der mächtigen Zangen. Sehen Sie Ihn? Nein? So soll es sein!

Da ist er!

Die Jagdstrategie

In der Tiefe seines Fangtrichters wartet Leo nun auf Beute. Und er kann lange warten! Bis zu 8 Monate (!) überlebt der ausgewachsene Löwe ohne Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme problemlos, während er regungslos am Grund seiner selbst erbauten Falle ausharrt. Damit gehört er zu den ausdauerndsten Hungerkünstlern im gesamten Tierreich. Gerät aber eine Ameise in seinen Trichter, wird Leo im wahrsten Sinne des Wortes zum Ameisenlöwen!

(In dieser Bildserie ist eine Rotbärtige Sklavenameise (Formica rufibarbis) in den Trichter geraten.) 

Blitzschnell ist er alarmiert und zur Stelle. Schnappend versucht er, die Ameise zu ergreifen.

 Die wiederum bemüht sich, durch das Hinauflaufen der steilen Trichterwand zu entkommen, ...

... rutscht dabei aber auf dem lockeren Sand immer wieder nach unten.

Ameise flüchtet aus Fangtrichter, während dahinter der Ameisenlöwe wild nach ihr schnappt.

Dort wartet fangbereit der Ameisenlöwe.

Verzweifelt versucht die Ameise, im steilen Sandhang Halt zu finden, ...

Ameise schnappt mit weit geöffneten Kiefernzangen nach einer Ameise, die aus dem Fangtrichter flüchten will.

... verzweifelt versucht Leo, die Ameise mit seinen großen Zangen zu ergreifen.

Erfolglos! Unter großen Mühen und mit noch größerem Glück erreicht die Gejagte den Trichterrand ...

... und entkommt.

Leo bedeckt sich wieder mit Sand, öffnet seine Zangen und wartet erneut, ...

... bis die nächste Ameise, ebenfalls eine Rotbärtige Sklavenameise (Formica rufibarbis), in den Trichter rutscht. Noch ahnt sie nichts von der bevorstehenden Gefahr. Hinter ihr ragen aus dem Sand nur zwei weit geöffnete Zangenenden heraus.

Vorsichtig versucht die Ameise, den rutschigen Hang hinaufzulaufen, ...

... bis sich plötzlich hinter ihr eine gewaltige Sandwolke erhebt, ...

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Fangtrichter - Löwe wirft Sand auf fliehende Ameise

... sich über sie stellt ...

... und dann mit der Gesamtheit ihrer einzelnen Sandkörner auf sie herunter prasselt.

Leo will nun nichts mehr dem Zufall überlassen! Um zu verhindern, dass ihm auch diese Ameise entkommt, schleudert er energisch mit seinen riesigen Kiefernzangen Sand in Richtung der Ameise.

Sein Ziel ist es, entweder die Ameise selbst zu treffen, ...

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Fangtrichter - Löwe wirft Sand auf fliehende Ameise

... oder den Sand über sie hinweg in den oberen Trichterhang zu schleudern. Die kleinen Körner rieseln dann die steile Wand herab und ziehen das flüchtende Opfer ähnlich einer Lawine mit in den Abgrund. 

Dort wartet der hungrige Leo.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Fangtrichter - Löwe hat mit seinen Kiefernzangen eine Ameise gepackt

Er erwischt jedoch von der flüchtenden Ameise nur ein Hinterbein, ...

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Fangtrichter - Ameisenlöwe hat mit seinen Kiefernzangen eine Ameise gepackt

... die sich unter heftiger Gegenwehr schließlich wieder aus dieser gefährlichen Lage befreien kann.

Immer wieder versucht die verzweifelte Ameise, über den steilen Hang zu entkommen.

Und wieder und wieder bewirft Leo sie mit Sand.

Dieser Vorgang kann sich noch öfter wiederholen, ...

...

...

... bis das Opfer den Halt verliert ...

... und dem Ameisenlöwen direkt in die Zangen fällt.

Blitzschnell packt er zu ...

... und schlägt die Ameise mehrmals kräftig gegen die seitliche Trichterwand. 

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Ameisenlöwe ergreift im Fangtrichter Ameise

Die weiß überhaupt nicht, wie ihr geschieht! Selbst sehr wehrhaft gegenüber anderen Tieren, ist sie von der Entschlossenheit dieser Attacke völlig überrascht.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Fangtrichter - Ameisenlöwe ergreift Ameise

Nahezu gleichzeitig bewegt sich Leo ruckartig nach hinten ...

... und zieht die Beute in den Sand.

Eine Ameise ist bekannterweise ein sehr wehrhaftes Tier. Sie scheut kaum Auseinandersetzungen mit anderen Tieren, selbst wenn diese ihre eigene Körpergröße deutlich übertreffen. Hat der Ameisenlöwe sie jedoch erst einmal gepackt und ein Stück rückwärts in den Sand gezogen, hat sie kaum noch eine Chance, sich zu befreien. Mit seinem kugeligen Körper und den zahlreichen nach vorn ausgerichteten Borsten sitzt Leo wie ein Anker im Sand. Da hilft kein Ziehen und kein Zerren.

Immer tiefer versinkt das Opfer im Sand.

Sobald Leo seine Beute mit den Kiefernzangen gepackt hat, injiziert er sofort ein lähmendes und schließlich tödlich wirkendes Gift in sein Opfer. Erste Lähmungserscheinungen treten bereits nach etwa 20 Sekunden ein, der Tod nach wenigen Minuten.
In einem zweiten Schritt spritzt der Ameisenlöwe mit seinen Zangen Verdauungsenzyme in seine Beute. Die Ameise wird also bereits in ihrem eigenen Körper vorverdaut und gleichzeitig verflüssigt.

Fressen und Verdauen

Nun hebt Leo das tote Tier wieder aus dem Sand heraus und beginnt mit dem Aussaugen.

Dabei wird die schrumpfende Beute langsam hin und her bewegt. Mit seinen Saugzangen sticht er verschiedene Körperteile und Segmente nacheinander an, sodass möglichst wenig "Reste" im Inneren der Ameise übrig bleiben.  

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Ameisenlöwe saugt erbeutete Ameise aus; Fangtrichter; Kiefernzangen

Die Saugdauer hängt stark mit der Größe des Beutetieres zusammen. Bei der Rotbärtigen Sklavenameise beträgt sie etwa eine halbe bis eine Stunde.

Bei Ameisenlöwen liegt eine besondere Seltenheit hinsichtlich ihrer Verdauung vor: Leo hat keinen Stuhlgang! Oder besser formuliert: Leo kann keinen Stuhlgang haben! Sein Mitteldarm ist nämlich nicht durchgängig, sondern endet in einem blinden Sack. Somit kann er zwar verdauen, aber keinen Kot ausscheiden. Dies stellt eine weitere erstaunliche Anpassung an seinen Lebensraum dar. Die kleinklimatischen Bedingungen insbesondere hinsichtlich Temperatur und Wasser sind im Leo-Lebensraum so schlecht, dass nur wenige Tiere hier leben können. Wer glaubt, die Trichterfalle eröffne Leo ein geruhsames Schlaraffenland, in dem er mit gespreizten Kiefernzangen nur darauf zu warten braucht, bis ihm ständig die Beute direkt ins Maul fällt, der irrt! Das Gegenteil ist der Fall. Leo muss oft viele Tage auf eine Chance warten. Fängt er dann endlich eine Beute, verwertet er sie bestmöglich. Hier wird nicht penibel zwischen "verwertbar" und "nicht verwertbar" selektiert. Unverwertbare Bestandteile kennt sein Verdauungssystem kaum. Kot ist für Leo Luxus. Eine großzügige "Kotschleuse" kann er sich nicht leisten, schließlich könnte es wieder viele Tage oder Wochen bis zum nächsten Mahl dauern. Und die unverdaulichen Chitinbestandteile entsorgt er durch den Auswurf aus seinem Trichter ohnehin sofort. Warum also Energie in die Ausbildung eines kotdurchlässigen und damit komplexeren Verdauungssystems investieren? Leo ist sehr konsequent! Er löst das Problem mit dem Stuhlgang anders: Das wenige anfallende unverdauliche Material sammelt er als flüssigen Brei im Mitteldarm - und zwar über die gesamte mehrjährige Lebenszeit als Larve! Erst nach dem Schlüpfen zum voll entwickelten Insekt wird der Darm durchgängig. Und dann erst scheidet Leo in einem einmaligen Akt die angesammelten Verdauungsreste in gehärteter Form (Mekonien) aus.
 
Nun stellt sich natürlich die Frage, was geschieht, wenn Leo wider Erwarten doch einmal innerhalb kurzer Zeit sehr viel Beute fängt und frisst. Leidet er dann unter "Verstopfung"? Nein, in diesem Fall schaltet er einen Entwicklungsturbo ein - eine weitere Anpassung an die Bedingungen seines Lebensraums! Steht viel Nahrung zur Verfügung, kann er sich bereits innerhalb eines Jahres zum reifen Insekt entwickeln, bei schlechter Nahrungsversorgung benötigt er zwei. Leo kann zwar in aktiver Jagdbereitschaft viele Monate hungern und dabei sehr viel Gewicht einbüßen. Jedoch ist er auch in der Lage, bei ausreichendem Nahrungsangebot beziehungsweise ungehinderter Nahrungsaufnahme innerhalb von 4 Tagen sein Gewicht zu verdoppeln. Und hat er dann doch einmal zu viele Beutetiere zur Verfügung, beendet er sein Fressen vorzeitig. Gesättigte Ameisenlöwen saugen ihre Opfer nur unvollkommen aus. Dies verdeutlicht das hohe Maß ihrer Anpassung an die Verfügbarkeit von Beutetieren - und damit an die Gegebenheiten ihres extremen Lebensraumes.

Nach dem Aussaugen des Nahrungsbreis sind vom Körper des Opfers nur noch äußere und innere Chitinreste übrig. Mit einer heftigen Schleuderbewegung wird die leere Beutehülle über den Trichterrand geworfen.

Hierbei ist die Wurfgeschwindigkeit nochmals höher als beim Sandauswurf während des Trichterbaus. Die Chitinhülle landet oben am äußeren Trichterrand, kann aber auch bis zu 30 cm weiter entfernt liegen.

Mit dem nächsten Windstoß fliegt sie fort. Die unmittelbare Umgebung des Fangtrichters ist wieder sauber; keinerlei Essensreste deuten auf die Anwesenheit des Jägers hin.

Nach dem Mahl ist bei Leo wieder einmal "Säbelwetzen" angesagt. Durch entgegengesetztes Abstreifen reinigt er die sensiblen Saugzangen.
Die Mundwerkzeuge stellen bei den Ameisenlöwen hochkomplexe und multifunktionale Gebilde dar. Sehr auffällig sind vor allem die beiden überdimensionierten Oberkiefer (Mandibeln) mit ihren Borsten und Zähnen.  Die Unterkiefer (Maxillen) liegen als schmale Rohre unterseits am Oberkiefer an und bilden mit ihm zusammen ein Saugrohr.
Mit diesem Fangapparat und der verborgen darin befindlichen Röhre können Ameisenlöwen verschiedene Funktionen ausführen: Sand fortschleudern, Beute ergreifen, Gift injizieren, Verdauungsenzyme injizieren, Beute aussaugen und schließlich aus dem Fangtrichter herauswerfen. Kein Wunder also, dass Leo dieses wertvolle Körperteil penibel sauber hält!

Lieblingsnahrung: Ameisen ... und so weiter!

Leo frisst nicht nur Ameisen, obwohl die ihm seinen Namen gaben (Ameisenlöwe). Er versucht alles zu überwältigen, was sich in seinen Trichter begibt. Dazu gehören Fliegen ...

... oder auch Spinnen. Eine wenige Millimeter kleine Zebraspringspinne (Salticus scenicus) ist in die Falle geraten und steht Leo wie erstarrt gegenüber. Der schlägt wild erregt mit seinem Kopf und den Kiefernzangen um sich und bringt dadurch den Sand ins Rutschen - und mit ihm die immer noch regungslose Spinne.

Doch plötzlich löst sie sich aus ihrer Starre und flüchtet.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Ameisenlöwe wirft im Fangtrichter Sand auf fliehende Zebra-Springspinne

Nun schleudert Leo wieder Sand auf das fliehende Opfer.

Die Spinne verliert den Halt ...

... und fällt dem Jäger genau in seine geöffneten Zangen.

Blitzschnell packt Leo sein Opfer, zieht es rückwärts in den Sand, lähmt und tötet es.

Wenige Minuten später hebt Leo die Spinne aus dem Sand heraus und saugt sie aus.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Ameisenlöwe saugt im Fangtrichter erbeutete Zebra-Springspinne aus

Sogar die dünnen Spinnenbeine werden separat "leergetrunken". 

Schließlich landet die unverdauliche Spinnenhülle außerhalb des Trichters auf dem Sandboden.

Auch Asseln gehören zu Leos Beutespektrum.

Doch sobald Leo die Assel mit seinen Zangen ergreift, ...

... rollt sie sich schützend zu einer Kugel zusammen.

Leo versucht, die Spitzen seiner Zangenenden zwischen die Chitinplatten der Assel zu bohren. Gelingt ihm dies, kann er ihr trotz ihrer Schutzhaltung sein hochwirksames Gift injizieren. Bleibt er erfolglos, gibt er nach einigen Fehlversuchen genervt auf und wirft die Assel aus seinem Trichter heraus. Glück gehabt!

Wie gelingt es Leo, nach tage- oder sogar wochenlanger Regungslosigkeit am Grund seines Trichters binnen Bruchteilen einer Sekunde seine Fangmaschinerie schlagartig auszulösen?
Hierbei spielen eine Vielzahl von sensorisch gesteuerten Vorgängen eine Rolle. Leos gesamte Körperoberfläche ist mit zahlreichen Sensoren überzogen. Damit kann er seine Umgebung komplex wahrnehmen. Insbesondere ist er in der Lage, Vibrationen im Sand zu erkennen und sogar zu interpretieren. So erspürt er herannahende Beutetiere bereits weit außerhalb seines Trichters. Sand ist ein so guter Überträger von Vibrationen, dass Leo tief unten in seinem Trichter sogar erkennt, aus welcher Richtung sich ein potentielles Beutetier nähert - selbst wenn es noch 5 cm weit vom Trichterrand entfernt ist! Umgekehrt warnt seine hoch empfindliche Sensorik Leo aber auch beim Herannahen größerer Tiere (oder Menschen) - mit dem Ergebnis, dass er rasch in tiefere Sandschichten abtaucht und damit erst einmal verschwunden ist.

Perfekte Anpassung

Mit dem Bau von Trichterfallen im Sand ist dem Ameisenlöwen die dauerhafte Besiedlung eines von Trockenheit und Hitze charakterisierten Extremlebensraums gelungen. Die Oberfläche von sonnenbestrahlten Sandböden kann in Mitteleuropa bei Windstille zur Mittagszeit 55 Grad Celsius und mehr erreichen. Bei solch hohen Temperaturen werden lebensnotwendige Eiweißverbindungen im Körperinneren von Tieren irreparabel zerstört. Die Folge wäre unweigerlich ihr Tod. Aus diesem Grund verlassen Tiere in den heißesten Stunden Sandböden - oder schützen sich in besonderer Weise. Der Fangtrichter des Ameisenlöwen ist ein solcher Schutz. Am Trichtergrund ist die Temperatur deutlich niedriger als auf der Sandoberfläche. Dies liegt daran, dass der Trichterrand selbst bei relativ hohem Sonnenstand einen Schatten in den tiefsten Punkt des Trichters wirft (siehe Foto links). Dort positioniert sich der Löwe so, dass sein Körper im Bereich des Schattens liegt.

Steht die Sonne tiefer, vergrößert sich der Schattenbereich (siehe Foto rechts). Erst, wenn die Sonne so hoch steigt, dass sie ungehindert auch in das Trichterzentrum einstrahlt, zieht sich der Ameisenlöwe in tiefere Sandschichten zurück.

Die wärmedämpfende Funktion des Sandtrichters ermöglicht den Ameisenlöwen, ihre Aktivitätsphasen an klaren Sonnentagen im Hochsommer deutlich zu verlängern, ohne den Lebensraum verlassen zu müssen. Anstrengendes Hin- und Herlaufen würde viel Energie kosten. Die Anforderung, sich einerseits ausreichend und effizient mit Beute zu versorgen und andererseits vor lebensfeindlichen Temperaturen zu schützen, haben diese kleinen Löwen mit einem genialen Trick gelöst: Trichterfallen im Sand!

Wärme, Lichtintensität und Nahrungsangebot beeinflussen, ob Leo ein oder zwei Jahre als Larve lebt. In Mitteleuropa ist die Regel-Entwicklungszeit zweijährig. Hierbei durchläuft er drei Larvenstadien, in denen er zunehmend größer wird. Im ersten Stadium (L1) ist er nur wenige Millimeter groß, verfügt aber bereits über riesige Saugzangen. Bei diesem kleinen Burschen wirken sie noch mächtiger als bei der reiferen Larve.

Auch Klein-Leo beherrscht schon perfekt das "Sich-Totstellen". Und lange, sehr lange kann er völlig regungslos in dieser Position verharren!

Und im Ring ist er bereits ein ganz großer Kämpfer. Trotz seiner geringen Körpergröße greift er alles an, was "seine" Arena betritt - auch die im Vergleich zu ihm riesig erscheinende Rotbärtige Sklavenameise! Die Trichter der Miniatur-Larven sind mit 1-3 cm Durchmesser deutlich kleiner als diejenigen der ausgewachsenen Ameisenlöwen.

Als junge L1 häutet sich Leo in der Regel erstmals im zweiten Jahr zur L2 und, sind die Bedingungen günstig, noch im gleichen Jahr zur ausgewachsenen L3. Rechts im Bild ist die abgestreifte Larvenhaut (Exuvie) einer L2-Larve abgebildet.

Puppe im Kokon

Nach dem Abschluss der Nahrungsaufnahme verpuppt sich der erwachsene Löwe. Zunächst spinnt er sich im Sand einen kugelförmigen Außenkokon. Dann legt er im Inneren der Kugel eine pergamentartige Seidenschicht an, in der er sich verpuppt.
Die Spinnfäden der Kugel verkleben außen mit den umgebenden Sandpartikeln. Dadurch verhärtet der Kokon und wird zudem nahezu unsichtbar - ein wirksamer Schutz der Puppe vor Hitze, Räubern und Parasiten. Nur selten wird der in der oberen Sandschicht liegende Kokon vom Wind freigeweht. Dann erst wird er sichtbar.

Gänzlich freigelegt zeigt die Kokon-Kugel ihre perfekte Rundheit.

Leos Behausung während der Verwandlung zum fertigen Insekt (Imago) hat einen Durchmesser von 1 cm.

Ameisenlöwe, Euroleon nostras; Kokon mit schlupfbereiter Ameisenjungfer

Im Inneren der Kugel liegt die sich entwickelnde Puppe in stark eingeknickter Körperhaltung.
Auf dem Foto rechts ist die unmittelbar vor dem Schlupf befindliche Puppe zu sehen, mit geöffneter Kokon-Außenhülle und geöffneter innerer Seidenhaut.

Etwa einen Monat (rund 34 Tage) bleibt Leo in seinem Kokon - ...

...bis er ihn eines Tages bei Sonnenuntergang oben öffnet. Er zwängt sich halb heraus, erreicht die Bodenoberfläche und schlüpft.

Links im Bild ist das frische Ausschlupfloch an der Bodenoberfläche zu sehen.

Freigelegte Kokon-Kugel mit der seidigen Puppenhaut (Exuvie).

Exuvie mit gut erkennbaren Fühler- und Kieferausformungen. Mit den dunkelbraunen, fein gesägten Kiefern (Mandibeln) hat die Puppe zuvor den Kokon an seiner Oberseite kreisförmig aufgebissen.

Freigelegter und geöffneter Kokon mit Blick auf die Exuvie der L3-Larve (bräunlich im Inneren des Kokons) und der Puppen-Exuvie.

Freigelegter und vollständig geöffneter Kokon mit Exuvie der frisch geschlüpften Puppe.

Die Ameisenjungfer - grazil und zerbrechlich

Ähnlich der Entwicklung vom hässlichen Entlein in einen Schwan in Hans Christian Andersens Geschichte, hat sich Leo nun vom martialisch aussehenden Ameisenlöwen in eine wunderschöne Ameisenjungfer verwandelt.

Unmittelbar nach dem Schlupf klettert die noch sehr weichhäutige Jungfer auf nahe befindliche Pflanzen und entfaltet ihre Flügel.

Innerhalb weniger Stunden verhärtet ihre Haut. Auf den Flügeln erscheinen immer deutlicher die für die Geflecktflüglige Ameisenjungfer typischen Flecken.

Ausgehärtetes und ausgefärbtes Weibchen.

Die mitteleuropäischen Ameisenjungfern sind nachtaktiv. Die Geflecktflügligen Ameisenjungfern verbringen den Tag in Ruhestellung an meist senkrecht stehenden Ästen oder Halmen der bodennahen Pflanzen. Hierbei werden die Flügel dachförmig über den Hinterleib und den Sitzhalm gelegt, die Fühler gerade nach vorne ausgerichtet.

Direkter starker Sonneneinstrahlung versuchen sie durch Drehung auf die Hinterseite des Halms oder Astes zu entgehen.
Aber auch in der Ruheposition beobachtet die Jungfer ihre Umgebung aufmerksam und ist leicht aufscheuchbar. Bevor sie jedoch abfliegt, versucht sie, sich durch ständiges Nachrücken an die jeweils gegenüberliegende Seite des Halms der Sicht des Beobachters zu entziehen. Misslingt dies, fliegt sie davon.

In der späten Dämmerung wird die Ameisenjungfer aktiv. Mit dem Auseinanderklappen ihrer Flügel offenbart sie ihre ganze Schönheit.

Im Flug wirkt sie wie ein Mischwesen aus Schmetterling und Libelle: Während ihre Bewegung dem flatterhaften Flug eines Schmetterlings gleicht, erinnert ihre grazile äußere Erscheinung mehr an eine Libelle. Nur die langen Fühler lassen schnell erkennen, dass sie keine Libelle, sondern eine Ameisenjungfer ist. Es scheint kaum vorstellbar, dass sich dieses faszinierende Flug-Juwel aus der zwar ebenfalls faszinierenden, aber extrem zweckausgerichteten Kampfgestalt Ameisenlöwe entwickelt hat!

Geflecktflüglige Ameisenjungfer, Euroleon nostras; Portrait, Weibchen

Portrait einer Gefleckflügligen Ameisenjungfer-Dame.

Geflecktflüglige Ameisenjungfer, Euroleon nostras; Portrait, Weibchen

Gefleckflüglige Ameisenjungfern fressen verschiedene nachtaktive Insekten wie Fliegen, Mücken oder Blattläuse, in geringen Anteilen auch Pflanzenpollen. Ihre Hauptaufgabe besteht in der Paarung sowie Produktion und Ablage von Eiern.

Die Eiablage erfolgt in den wärmsten Nächten des Jahres, meist von Sonnenuntergang bis kurz nach Mitternacht. Mit gekrümmtem Hinterleib legen die Weibchen etwa 5-10, maximal 20 Eier einzeln in den Sand geeigneter Larven-Lebensräume. Bereits nach etwa 15-20 Tagen sterben die Jungfern. Doch der Neubeginn ist gelegt: Nach kurzer Zeit schlüpft aus jedem Ei eine kleine Larve, die einen Fangtrichter gräbt:
Leo ist wieder da!